An einem Tisch von Gert Weber zu sitzen, macht Freude. Nicht nur,weil er ein ebenso anregender wie fundiert denkender Gesprächspartner und ein hervorragender Koch ist – nein, sondern vor allem definieren seine Tische den Raum genuin, sind zentrale Versammlungsstätte, Ort des Zusammenkommens, gleichgültig, ob zum Reden, Essen oder Arbeiten.
Und dies mit großer Selbstverständlichkeit.

Warum das so ist, wurde mir erst viel später bewusst, als Gert Weber mich fragte, ob ich nicht ein paar Zeilen über seine Arbeit schreiben wolle. Und ich glaube, so manches verraten die Tische dem aufmerksamen Betrachter über sein Denken, sein Wollen und insbesondere über sein Handeln.

Zunächst sind sie unspektakulär, dennoch deutlich wahrnehmbar, von einer Selbstverständlichkeit, dass man auf sie fast automatisch zugeht, dort Dinge ablegt und sich niederlässt – dafür sind Tische ja nun mal da! Aber warum ist das so? Gert Weber will Zeichen setzen: Hier ist der Ort, wo … der Tisch steht. Er besetzt den Raum durch Funktion. Deshalb sind seine Tische immer entschieden und eindeutig: formale Idee, funktionale Struktur und eine Platte. Seine Entwürfe strahlen eine Normalität aus, die durch die Solidität der Konstruktion, des Materials und der Verarbeitung vorgegeben wird. So einfach ist das, aber es bedarf der genauen Beobachtung, des Wissens um das Wesen der Dinge und der Fähigkeit, es in dieser Perfektion umzusetzen. Gert Weber baut seine Tische für einen speziellen Raum jeweils in Abhängigkeit von den umgebenden Proportionen. Und zwar jedes Mal aufs Neue, nichts kommt von der Stange. Es sind Varianten zu einem Thema; das Verbindende ist die gleiche Handschrift, die so zum Stilmittel wird.

Um diesen Tisch reihen und reihten sich im Laufe der Zeit weitere Entwürfe, eine beeindruckende Anzahl weiterer Möbel, bis hin zur Architektur; alle bedienen sich der gleichen Sprache, weil sie aus der gleichen Haltung heraus entwickelt wurden. So signalisieren seine Tische, dass sie Tische sind, seine Schränke, dass sie Schänke sind, der Stuhl, dass er Stuhl ist, der Raum, dass er Raum ist, ein Haus, dass es Haus ist – und sonst nichts. Seine Konstruktionen zeigen aber stets, dass man ihnen Dinge zur Aufbewahrung anvertrauen kann. Es sind die Details, jene Kleinigkeiten, die einem eher unbewusst denn bewusst das Vertrauen zu seinen Möbeln geben. Es sind dies visuell nachvollziehbarer Aufbau des Gegenstandes, die Ablesbarkeit der Funktion und die Reduktion der eingesetzten Mittel. Ein typisches Beispiel für diese Haltung ist für mich sein Stahlrohrregal, dessen Qualität im stringenten Durchdenken der kleinsten Kleinigkeiten liegt, wie etwa darin, dass es beim Verschieben der Halterungen, Metall auf Metall, nicht zu den ins Mark gehenden Quietschtönen kommt und die Verchromung in ihrer Pureness dabei nicht durch Kratzer gestört wird.

Den Gipfel im Ringen um das Detail stellen für mich aber die Glastablare des Nachfolgerregals dar, die an der Vorderseite eine leicht konvexe Kante besitzen. Wer nun meint, hierin eine freie, rein aus dekorativen Gründen getroffene Maßnahme zusehen, der irrt gründlich. Zwar wird durch die konvexe Kante das Segment zwischen jeweils zwei einzeln stehenden Stangen stärker betont und die Stange selbst akzentuiert, aber vor allem – und dies war das gestalterische Ziel – wird vermieden, dass sich bei längerer Reihung eine etwa nicht exakt im Winkel stehende Wand auf das Bücherregal überträgt.

So einfach können Lösungen sein, wenn sie durchdacht sind.

Schön, dass es heute so etwas Universelles und Vielfältiges noch gibt – denn eigentlich gibt es so etwas heute nicht mehr. Es sind inzwischen die zum ,Klassiker’ mutierten Lösungen des Möbelbaus und der Architektursprache der 1920er- und 1930er-Jahre, die als geistiges Vorbild dienen, und die, damals wie heute, zwangsläufig einer vermögenden und gebildeten Auftraggeberschicht vorbehalten bleiben. Es ist wie das Gespräch oder das Essen am Tisch von Gert Weber: angemessen, passend und immer individuell.

Florian Hufnagl